Corona und das Adjektiv

Über nützliche und weniger nützliche Adjektive und über die Zukunft der Menschheit.

Für viele aus dem Lateinischen stammende Grammatikwörter gibt es deutsche Entsprechungen, die wir in der Schule lernen. Das Nomen heißt Hauptwort, das Verb Zeitwort oder Tunwort, der Kasus Fall usw. Haben Sie eine Idee, wie man das Adjektiv auf Deutsch benennen könnte? Der lateinische Ausdruck sagt, dass es ein „beigefügtes“ Wort ist, also etwas, was man zu etwas anderem dazugestellt hat. Aber das deutsche Wort bezieht sich auf ein anderes, nämlich inhaltliches Merkmal der Wortart. Also: Wenn man mit dem Namen ausdrücken möchte, was Adjektive gewöhnlich bezeichnen, wie müssten sie heißen?

„Eigenschaftswort“ ist die Lösung. So heißt das Adjektiv auf Deutsch. Welche Bezeichnung ist angemessener, die lateinische oder die deutsche? Das kann man nicht sagen. Es gibt immer verschiedene gleich gute Möglichkeiten, Dinge zu benennen. Die lateinische Bezeichnung bezieht sich auf ein formales, die deutsche auf ein inhaltliches Merkmal, beide erfassen auf unterschiedliche Weise etwas für die Wortart Charakteristisches. Für uns ist jetzt interessant, dass beide Benennungen auch einen Hinweis auf die relative „Wichtigkeit“ der Adjektive geben.

Eigenschaften sind sicher ein wichtiges Element der Wirklichkeit, aber vor den Eigenschaften müssen die Sachen da sein, die man eben mit einem „Hauptwort“ benennt. Wir müssen in einem Satz nicht unbedingt Eigenschaften angeben: „Anna hat ein Fahrrad.“ Diesen Satz können wir dann um Eigenschaften erweitern: „Die sportliche Anna hat ein teures Fahrrad.“ Wie wir sahen, sagt auch das lateinische Wort, dass das Adjektiv nichts Primäres sein kann – es wird ja zu etwas, was schon da ist, dem Nomen, nur hinzugefügt.

Die Benennungen verraten uns also etwas, was leider ziemlich viele DaF-LehrbuchmacherInnen nicht verstehen wollen: dass nämlich Adjektive weniger wichtig sind als andere Wörter. Deshalb finden Sie in Lehrwerken nicht selten Übungen, in denen Sie dutzendweise Adjektive lernen sollen, z.B. alle, die zu einem bestimmten Wortfeld gehören. Dahinter steckt zwar eine lernmethodische Einsicht: Man kann (ein bisschen) besser behalten, wenn man Wörter, die in einer Bedeutungsbeziehung stehen, gemeinsam lernt. Nur übersehen die Autoren dafür die viel wichtigere Tatsache, dass die meisten Adjektive aus solchen Feldern ziemlich selten, also (für Lernende der Mittelstufe) einfach unwichtig sind.

Hüten Sie sich also vor Wortschatzübungen, in denen Sie sämtliche Adjektive zur Beschreibung von Stimmungs- oder Wetterlagen, Charaktertypen oder Farbnuancen auf einmal lernen sollen. Konzentrieren Sie sich bei den Adjektiven auf die paar Dutzend wirklich frequenten, oft nicht attributiv in der Nomengruppe, sondern als Prädikat verwendeten: froh, schade, begeistert usw. (Ich bin froh, dass … )

(Es ist natürlich möglich, dass Sie dann eines dieser nicht gelernten seltenen Adjektive gebraucht hätten, um eine Aufgabe z.B. der Telc-„Sprachbausteine“ zu lösen. Das ist aber nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Prüfungsmacher oft noch ignoranter sind als die Lehrbuchmacher; und da Sie das seltene Adjektiv sowieso bis zur Prüfung wieder vergessen hätten, macht es auch gar keinen Unterschied.)

Aber kommen wir endlich zum Thema. Ich denke seit einiger Zeit darüber nach, wie man das Verhalten der Menschheit in der gegenwärtigen Krise bewerten und benennen soll. Das ist, wie ich finde, ein sehr interessantes Thema, weil sich daraus ja Aussagen über die Potentiale und die Zukunftschancen der Menschheit ableiten lassen.

Als Erstes kommt natürlich die dunkle oder irrationale oder auch grotesk-komische Seite in den Sinn. Zehntausende Esoteriker und Verschwörungstheoretiker und Nazis demonstrieren gegen Schutzmaßnahmen usw. Die Meinungsfreiheit ist unbedingt zu schützen, trotzdem muss man eben feststellen, dass ein großer Teil dieser Leute

abergläubisch, blöd, dumm, einfältig, fanatisch, gaga, hirnlos, infantil, knalldoof …

Wortfeld „Querdenker“

ist. Aber das ist nicht das Interessanteste. Wirklich interessant ist das Verhalten der großen Mehrheit, also des vernünftigen Teils der Menschheit. Es ist ziemlich offensichtlich, dass die Menschen einander durch die gemeinsame Bedrohung näher gekommen sind. Ihr Verhalten ist insgesamt sozialer geworden. Sie sind jetzt eher

achtsam, (umeinander) besorgt, dankbar, einfühlsam, friedfertig, gutmütig, herzlich, (aneinander) interessiert …

Wortfeld „Corona-Menschheit“

Eine Menschheit, mit der sich was anfangen lässt (= mit der man vernünftige Dinge machen kann). Das ist ermutigend. Man weiß dann, dass das menschheitliche Versagen in so vielen Dingen – Friedenssicherung bis Klimakrise – kein notwendiges ist. Die charakterlichen Voraussetzungen für die Erreichung hoher Ziele sind gegeben. Es geht nur darum, die richtigen Wege zu finden. Der Mensch kann gut sein, wenn er will.

Fazit 1: Konzentrieren Sie sich beim Lernen auf Wichtiges, bei den Wörtern etwa eher auf Verben als Adjektive, bei diesen auf die nicht so vielen wirklich wichtigen; und seien Sie grundsätzlich misstrauisch gegenüber Ihren (meistens schlechten) DaF-Lehrmaterialien, am allermeisten beim Thema (meistens grotesk blöder) „Wortschatzarbeit“.

Fazit 2: Das heißt natürlich nicht, dass Adjektive, auch seltenere, nicht bei dem Versuch hilfreich und wichtig sein könnten, sich über die Welt zu verständigen. Aber das ist ein anderes Thema, wenn auch ein sehr wichtiges.

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