Roher Vater

Wo sind wir hier – wenn nicht in einem Horrorfilm?

Die Brüder taten sich zusammen, überwältigten den Vater und verzehrten ihn nach der Sitte jener Zeiten roh.

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Kommentar

Wir sind nicht in einem Horrorfilm, sondern in einem späten Werk eines berühmten österreichischen Wissenschaftlers. Zuvor hatte er geschildert, wie der rohe Vater zu Lebzeiten die Söhne behandelte:

„Das Schicksal der Söhne war ein hartes; wenn sie die Eifersucht des Vaters erregten, wurden sie erschlagen oder kastriert oder ausgetrieben …“

Es geschieht ihm also recht, wenn er später etwas pietätlos behandelt wird. – Wer war übrigens der berühmte Wissenschaftler?

Autor und Werk

?, 1856-1939

Aus: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, 1939.

Lösung

Es geht um Sigmund Freud, von dem man ja auch den „Ödipus-Komplex“ kennt. Der Zusammenhang des Ganzen ergibt sich aus Folgendem:

„Es ist anzunehmen, dass nach der Vatertötung eine längere Zeit folgte, in der die Brüder miteinander um das Vatererbe stritten, das ein jeder für sich allein gewinnen wollte. Die Einsicht in die Gefahren und die Erfolglosigkeit dieser Kämpfe, die Erinnerung an die gemeinsam vollbrachte Befreiungstat und die Gefühlsbindungen aneinander, die während der Zeiten der Vertreibung entstanden waren, führten endlich zu einer Einigung unter den Brüdern, einer Art von Gesellschaftsvertrag. Es entstand die erste Form einer sozialen Organisation mit Triebverzicht.“

Es handelt sich hier also um Freuds Erklärung für die Entstehung von Gesellschaft (und Religion): am Anfang stand ein Vatermord.

-> ATL

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