„Einen Unterschied machen“

Wörtliche Übersetzungen sind keine Übersetzungen – nicht mal, wenn sie von einem Bundesminister stammen.

Wenn Sie des Englischen mächtig sind, kennen Sie sicher auch den häufig verwendeten Ausdruck to make a difference; und wenn Sie im Deutschen schon fortgeschritten sind, ist Ihnen vielleicht auch die korrekte Übersetzung bekannt: etwas bewirken oder etwas erreichen, oder kontextabhängig auch andere Ausdrücke.

Wenn du als Politiker etwas bewirken / erreichen willst, musst du die Menschen für deine Ideen gewinnen. (If you want to make a difference … )

Die Wort-für-Wort-Übertragung von to make a difference, nämlich einen Unterschied machen, hat dagegen eine andere Bedeutung. Man verwendet sie z.B. so:

Macht es eigentlich einen Unterschied, ob man die Eier im Eierkocher oder im Kochtopf kocht?

Das heißt einfach, ob es einen Unterschied gibt, vielleicht bei Kochdauer und Energieverbrauch oder der geschmacklichen Qualität oder irgendetwas anderem. In letzter Zeit, und besonders oft in den letzten Wochen, hört man aber auch einen Unterschied machen im Sinn von to make a difference. Zum Beispiel:

„Diese Dosen werden schon einen großen Unterschied machen können für viele Pflegeeinrichtungen.“

23.12.2020, Morgenmagazin, Das Erste

Hier geht es also darum, dass eine bestimmte Zahl von Impfdosen etwas bewirken, also die Lage in den Pflegeeinrichtungen verbessern wird. Das Zitat stammt vom Gesundheitsminister Spahn, und die Überschrift zum Artikel gestaltet die ARD so:

Spahn: Erste Impfungen können „großen Unterschied“ machen

Den „großen Unterschied“ setzt man in Anführungszeichen. Einfach als Zitat, oder weil man nicht recht weiß, ob das Deutsch ist? Die Frage dahinter ist tatsächlich interessant.

Wenn ich so einen „Anglizismus“ im Unterricht höre, fordere ich die Teilnehmer (jedenfalls die humorvolleren) auf, deutsch zu sprechen statt englisch. Die meisten verstehen sofort, was gemeint ist, denn ihnen ist ja bewusst, dass sie einfach einen englischen Ausdruck wörtlich ins Deutsche übertragen haben – und dass das nicht immer gutgehen kann. Auch „einen Unterschied machen“ würde ich keinem durchgehen lassen, wenn damit to make a difference gemeint sein soll.

Aber wenn mich nun morgen eine Teilnehmerin zur Rede stellen würde, die gestern Minister Spahn gehört hat, nachdem ich ihr vorgestern erklärt hatte, dass einen Unterschied machen à la Spahn kein Deutsch ist – was könnte ich ihr sagen?

Natürlich, dass man in so einem Fall besser auf einen Deutschlehrer hören sollte als auf einen Gesundheitsminister. Das wäre zumindest die einfache Antwort. Der Minister hat schlecht oder falsch, oder eben gar nicht, übersetzt. Ich kann ja auch nicht Wie bist du? fragen, wenn ich wissen möchte, wie es dir geht.

Aber das ist nicht die einzig mögliche Antwort. Denn bekanntlich verändern sich Sprachen ständig, und das nicht selten unter dem Einfluss anderer Sprachen. Das ist natürlich kein von Experten kontrollierter Prozess, es gibt dabei auch Missverständnisse und Fehler. Wir sind ja keine Sprachautomaten.

Tatsächlich ist es auch vom Deutschen her nicht ganz unmöglich, einen Unterschied machen im Sinne des Ministers, also soz. englisch zu interpretieren. Die Wortbedeutungen erlauben so eine Interpretation. Wenn ich durch etwas einen Unterschied gemacht habe, habe ich eben etwas bewirkt … Nur dass eine solche Verwendung im Deutschen bislang nicht gebräuchlich war.

Es könnte also passieren, dass aus dieser falschen Übersetzung mit der Zeit ein guter und nützlicher, allgemein gebräuchlicher, von niemandem mehr kritisierter Ausdruck wird, an dessen etwas zweifelhafte Herkunft sich niemand mehr erinnert. Für so etwas gibt es unzählige Beispiele.

Es ändert nur leider gar nichts daran, dass der Gesundheitsminister mit seiner falschen Übersetzung eine ziemlich schlechte Figur macht. Sprechen Sie deutsch, Herr Minister! When in Germany, do as the Germans! Und wenn Sie noch so gut Englisch können.

„Diese Dosen werden die Lage in den Pflegeheimen schon deutlich verbessern.“ Ja, man muss manchmal ziemlich weit weg vom Original, um es angemessen wiederzugeben. Wobei nur merkwürdig ist, dass der Minister einen englischen Ausdruck im Kopf hat, wenn er auf Deutsch einen Sachverhalt beschreiben will.

Und was Deutschlernende betrifft: Sie dürfen sich so was, gemeinerweise, natürlich noch viel weniger erlauben als ein deutscher Minister. Jedenfalls bei mir im Unterricht. Ich bin schließlich Deutsch-, und nicht Englischlehrer.

ARD

Nachträge

Demonstrationen machen einen Unterschied.

Erik Flügge in SWR-Video, vor November 2020 link 12,20

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