Was sind Verschwörungstheorien?

Und wie erkennt man sie?

Verschwörungstheorien gibt es schon ziemlich lange, aber in den turbulenten letzten Jahren haben sie wieder besonders viel Wind in die Segel bekommen. Dank Corona und Donald Trump, u.a. Corona hat Anlass zur Entstehung neuer Theorien gegeben, und Trump hat solche Theorien insofern befördert, als er sie nie eindeutig zurückgewiesen hat, weil er die vielen Verschwörungstheoretiker unter seinen Wählern nicht vor den Kopf stoßen wollte.

Verschwörungstheorien sind Theorien (Erklärungen), die ein bestimmtes Geschehen auf eine geheime Verabredung zwischen Menschen mit bestimmten bösen Absichten zurückführen. Wo weniger misstrauische Menschen Zufall oder plausible Sachzusammenhänge sehen, da erblicken Verschwörungstheoretiker eine sinistre Absicht, die den anderen, naiveren Zeitgenossen verborgen bleibt.

Das europäische Mittelalter war unendlich abergläubisch, nichts Über- oder Unterirdisches war phantasisch genug, um nicht geglaubt zu werden. Der Teufel stellte den armen Christen ständig Fallen, und auch andere Menschen konnten teuflische Taten vollbringen – vor allem solche, die nicht zu den jeweiligen religiösen, ethnischen oder anderweitig definierten Mehrheiten gehörten.

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Verschwörer im Berliner Grunewald – Nähe Teufelssee!

Die Juden zum Beispiel. Etwa seit der Zeit der Kreuzzüge machte man Juden immer wieder für furchtbarste Verbrechen verantwortlich. Wenn eine Seuche ausbrach, beschuldigte man die Angehörigen der jüdischen Gemeinden, die Brunnen vergiftet zu haben. Wenn ein Kind verschwand oder tot aufgefunden wurde, behauptete man, es sei von Juden entführt und auf grässliche Weise zu Tode gemartert worden.

Viel später, im 19. und 20. Jahrhundert, unterstellte man den Juden dann noch viel weiterreichende Pläne; jetzt sollten sie die anderen „Rassen“ unter ihre Kontrolle bringen, die Weltherrschaft an sich reißen wollen … Solche paranoiden und von Judenhass erfüllten Fantasien hatten dann unter den österreichisch-deutschen Nazis die furchtbarsten Konsequenzen.

Traurigerweise gibt es auch in aktuellen Verschwörungstheorien oft noch antisemitische Elemente. In den vergangenen Jahren hat das „QAnon“-Verschwörungsnarrativ aus den USA die größte Verbreitung gefunden – wie man oben sieht, bis in den Berliner Grunewald. In dieser Verschwörungserzählung, sicher einer der dümmsten aller Zeiten, sollen irgendwelche „Eliten“ unschuldigen kleinen Kindern fürchterliche Dinge antun – ein ganz ähnliches Muster also wie das oben geschilderte mittelalterliche. Und wenn man dann nur ein bisschen tiefer bohrt, stellen sich die „Eliten“, oder die treibenden Kräfte darunter, mit großer Regelmäßigkeit als Juden heraus.

Große Vielfalt an Verschwörungstheorien

Es gibt viele Arten von V., der Fantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Die Amerikaner waren nie auf dem Mond, die Bilder von der Landung wurden in Hollywood aufgenommen. – 9/11 wurde von den Amerikanern (und Israel oder „den Juden“!) selbst angestiftet oder ausgeführt. – Bill Gates verfolgt, ich weiß nicht mehr welche, aber in jedem Fall übelste Absichten, und hat auch noch genug Geld, um sie unter irgendwelchen Vorwänden (Impfen …) auszuführen. – Zu Corona haben Sie sicher selbst schon ein paar einschlägige „Verschwörungstheorien“ gehört – die Sache ist ja leider noch ganz aktuell.

Allerdings muss man sagen, dass der Höherpunkt dieser letzten Welle des (u.a. verschwörungstheoretischen) Irrationalismus offenbar überwunden ist. Die sog. „Querdenker“-Bewegung, die sich ein schlauer Schwabe aus halb kommerziellen, halb politischen Gründen ausgedacht hat, hat sich fast in Nichts aufgelöst. Und Donald Trump ist ja auch nicht mehr sehr präsent.

Aber das heißt sicher nicht, dass Verschwörungstheorien tatsächlich einmal ganz überwunden würden. Sie sind sehr attraktiv für Menschen, die unter restriktiven sozialen und politischen Bedingungen leben müssen. Menschen, die geringe Chancen haben, ihre Lebenswelt auf irgendeine Art mitzugestalten, und die sich deshalb ein Bild von der Welt machen, das ihre Einflusslosigkeit erklärt und damit erträglicher werden lässt. Wenn überall dunkle Mächte am Werk sind, kann sich der Verschwörungstheoretiker auf der Seite der Guten sehen- wieder ganz wie im Mittelalter. Besser unschuldiges Opfer einer „Verschwörung“ sein als Versager in der Leistungsgesellschaft.

Aber damit sind wir auf einem sehr weiten Feld angekommen, nämlich bei der psychologischen Erklärung von Verschwörungstheorien. Verlassen wir es gleich wieder und stellen nur noch die Frage, wie man V. erkennen kann.

Bei der Diskussion dieser Frage wird oft darauf hingewiesen, dass V. sich nicht aufgrund bestimmter Merkmale von realitätsgerechten Erklärungen für irgendein Geschehen unterscheiden lassen. Es ist ja möglich, eine Mondlandung zu simulieren oder Brunnen zu vergiften usw. Also wie erkenne ich die V., den Unfug?

Am besten setzt man bei den Quellen an. Was aus „seriösen Quellen“ stammt, ist selbst seriös, was man nur von Bekannten hört oder im Internet liest, aber in den seriösen Medien nicht, das sind Verschwörungstheorien oder ähnliche Produkte der infantilen Fantasie. Beispiel: Wie viele Kinder sind mittlerweile schon durch Hirnverletzungen beim Corona-Testen gestorben? Und haben Sie es nicht mit eigenen Ohren gehört, und zwar, wie ich, von der netten älteren Dame im vierten Stock? Die es von ihrer absolut vertrauenswürdigen Fußpflegerin erfahren hat, die eine Bekannte hat, deren kleine Nichte einen armen Klassenkameraden hatte …

Es geht also wie immer darum, sich in der „Kultur“ ein bisschen auszukennen, ein Gespür dafür zu bekommen, welche Art von Leuten oder Medien ernstzunehmen sind und welche sich bevorzugt aus den „Gerüchteküchen“ bedienen. Eigentlich ist es nicht viel anders als im privaten Umkreis. Man weiß ja auch, welchen Verwandten, Freunden und Bekannten man Glauben schenken kann, weil ihre Auskünfte sich immer als zuverlässig erweisen, und welche anderen allzu leichtgläubig sind, oder es selbst mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, weil sie sich gerne mit ganz überraschenden Erkenntnissen wichtig machen.

Das Problem mit den V. ist nur, dass ihre Vertreter gerade das für sich in Anspruch nehmen, was einen gegen ihre Märchen und Albernheiten immunisieren könnte: einen kritischen Geist, der sich ein selbstständiges Urteil bildet. Verschwörungstheoretiker glauben ja selbst, die Lügen und Vorspiegelungen der anderen, der „Verschwörer“ zu durchschauen, halten sich selbst für „aufgeklärter“ als die naiven anderen. Man darf sich also vor allem von einer solchen pseudokritischen Attitüde nicht blenden lassen. Dabei helfen kann die Tatsache, dass Verschwörungstheoretiker hinter praktisch allem eine Verschwörung erblicken, was schon stark darauf hinweist, dass es sich eher um eine psychische Symptomatik handelt als um ein reflektiert kritisches Verhältnis zur Welt. Der Verschwörungstheoretiker ist eben einer, gegen den sich die ganze Welt verschworen hat, wie man gerne sagt.

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