Links und rechts

Ich habe meiner Klasse nur ein einziges Mal wegen einer Wissenslücke, die nichts mit Sprache zu tun hatte, einen sanften Kollektivtadel erteilt. Das war, als niemand das Jahr angeben konnte, in dem die Französische Revolution stattgefunden hat. Sollten bedauerlicherweise auch Sie dazu nicht in der Lage sein, werden Sie das Datum unten erfahren und hoffentlich nie mehr vergessen. Unser Thema ist aber nicht die Revolution selbst, sondern ein besonderes Erbe, das sie hinterlassen hat.

Hinrichtung Ludwigs des XVI. (Wikipedia)

In der Französischen Revolution ist nämlich die fundamentale Rechts-links-Unterscheidung entstanden, die wir heute noch auf Ideologien, Parteien, Politiker anwenden. Das war in einer frühen Phase der Revolution, als in der Nationalversammlung auf der rechten Seite die konservativen Königstreuen saßen, links aber diejenigen, die größere Veränderungen wollten: vor allem eine starke Rolle des Volks oder des Bürgertums in der Politik oder vielleicht auch schon die Republik, also die Abschaffung des Königtums.

Seither sind über zweihundert Jahre vergangen, aber es gibt durchaus Kontinuitäten zwischen damals und heute. Die Menschen aus der Zeit der Französischen Revolution würden sich auch in der heutigen Parteienlandschaft noch halbwegs zurechtfinden.

Nur bei vielen meiner KursteilnehmerInnen ist das leider nicht so. Mit links und rechts als politischen Ortsadverbien können die meisten nicht viel anfangen. Viele kommen ja aus nicht sehr partizipativen Systemen und haben sich deshalb nie für Politik interessiert. „Politik ist gefährlich“, sagte eine chinesische Studentin – auch ein Grund, sich nicht darum zu kümmern.

Aber wenn Sie jetzt in Deutschland leben, haben sie andere Möglichkeiten als in China oder anderen autoritären Regimen. Gefährlich ist Politik hier jedenfalls nicht. Könnte man nicht schlechte Erfahrungen in der Heimat hier in Deutschland überprüfen? Geben Sie der Politik noch eine Chance!

Das wäre auch wichtig für die gesellschaftliche Integration; je mehr Leute mit migrantischem Hintergrund auf der politischen Bühne sichtbar werden, desto mehr stabilisiert sich unser neues, offeneres, bunteres Gesellschaftsideal.

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Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Aber zum eigentlichen Thema. Auch wenn Sie sich weiterhin nicht für Politik interessieren wollen, sollten Sie doch wenigstens wissen, wo die deutschen Parteien einzuordnen sind. Und wie der Standort in der Rechts-links-Dimension mit der Haltung zu Migration und Integration zusammenhängt.

Etwas vereinfachend kann man sagen: je weiter links, desto migrations- bzw. migrantenfreundlicher. Auch das steht in Beziehung zur ideologischen Lagerbildung in der Revolution. Die berühmte Devise der Revolutionäre war ja „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, während die Konservativen die Unterschiede zwischen den Menschen viel stärker betonten. Natürlich verträgt sich eine migrationsfreundliche Position viel leichter mit dem Gleichheitsgrundsatz.

Und was bedeutet das nun konkret für die deutsche Parteienlandschaft? Versuchen Sie’s zuerst selbst (am besten mit Partner) und schreiben Sie alle Ihnen bekannten Parteien (im Bundestag) in der korrekten Links-rechts-Anordnung auf. Nämlich in dieser:

Die Linke (das war nicht schwer) – Die Grünen – SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) – FDP (Freie Demokratische Partei) – CDU und CSU (Christlich Demokratische Union bzw. Christlich-Soziale Union in Bayern) – AfD (Alternative für Deutschland).

Innerhalb der AfD verläuft die Grenze zum Rechtsradikalismus, also zu den Nazis auf der äußersten Rechtsposition.

Nun wissen Sie wenigstens, was Sie wählen müssten, wenn Sie dürften – oder jedenfalls, was nicht.

Übrigens bedeutet die größere Offenheit für Migration und Migranten in der linken Hälfte des Spektrums natürlich nicht, dass auch die gesamte Bevölkerung mit migrantischem Hintergrund nach links tendiert. Unter den Deutschtürken gibt es jede Menge Erdogan-Fans, und noch bedauerlicher ist, dass auch die türkischen Rechtsextremisten hierzulande stark sind (die „Grauen Wölfe“, die in Frankreich erfreulicherweise gerade verboten wurden). Was die wohl in Deutschland wählen? Die Rechten, die sie als Türken nicht mögen, oder die Linken, die sie als Rechte nicht mögen?

Und die Französische Revolution? Die war 1789. Und warum hat Tadel verdient, wer diese Jahreszahl nicht kennt? Weil sie das Geburtsjahr der modernen Welt bezeichnet. Also der Welt, in der wir heute, vielleicht nicht immer als Brüder, aber im Grundsatz als gleiche und freie Menschen leben, statt als Untertanen und Sklaven. Sollte man das nicht kennen?

Hier auf meiner Seite in „ATL“ finden Sie noch etwas mehr Auskunft zu den deutschen Parteien.

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus veröffentlichte im Jahr 2016 einen Bericht über die Grauen Wölfe, wonach Neonazis und Graue Wölfe sich insbesondere im Kampf gegen Kommunist:innen als Partner begriffen.

https://taz.de/Verbot-der-rechtsextremen-Grauen-Woelfe/!5725562/

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