Weihnachten im August

Man braucht sich auch vom Kapitalismus nicht jeden Scheiß gefallen zu lassen.

Vor ein paar Jahren kam ich einmal Ende August von einem schönen, kühlen Waldsee in die Stadt zurück, ging, schon wieder schwitzend, auf dem Weg nach Hause im Supermarkt vorbei und kaufte außer mehreren Flaschen Mineralwasser auch ein paar Lebkuchen und eine Packung Dominosteine. Weihnachtsleckereien eben.

Wenn Sie noch nicht lange in Deutschland sind, wird Ihnen dieses Erlebnis nicht besonders interessant oder merkwürdig vorkommen. Warum auch? Sie kennen ja selbst deutsche Supermärkte. Ende August oder irgendwann im September findet man dort plötzlich eine besondere Art von Süßigkeiten, die dann nach Weihnachten langsam wieder verschwinden. Kurz darauf liegen die Ostersachen in den Regalen.

Allerdings sollten Sie auch wissen, dass es nicht immer so war. Wenn ein Ladenbesitzer in den 1980er oder 1990er Jahren im August Weihnachts-Süßwaren angeboten hätte, hätte man ihm die Lizenz entzogen. Und wenn, und das gilt auch heute noch und ist noch viel unvorstellbarer, wenn eine liebe Mama oder eine liebe Oma im August anfangen würde, Weihnachtsplätzchen zu backen – dann würde man sich große Sorgen machen und mit ihr zum Arzt gehen.

Wenn aber unser heutiger Kapitalismus so was macht, nimmt man ihm weder die Lizenz weg, noch geht man mit ihm zum Arzt. Sondern „zuckt die Achseln“, wie man gerne sagt. Der Kapitalismus produziert vielleicht größeres Elend als Süßigkeiten zur falschen Jahreszeit. Aber wer im August Weihnachtskram verkauft, ist auch zu jedem anderen Wahnsinn fähig; und das können wir (die Menschheit) momentan überhaupt nicht brauchen.

Die Sache ist noch aus einem anderen Grund interessant. In einer freien Marktwirtschaft entscheidet nur der Kunde über das Warenangebot, stimmt’s? Wir sind also selbst schuld an allem – oder nicht? „Niemand zwingt dich, im August Christstollen zu kaufen; aber lass doch den anderen ihre Freude.“ Sagt der wahnsinnige Kapitalismus. Und es ist leider nicht so leicht, ihn zu widerlegen, obwohl er spinnt. Oder gerade weil. (Ähnlich wie beim derzeitigen US-Präsidenten.)

Wir müssten natürlich fragen, warum die Kunden den Wahnsinn mitmachen. Einfach weil es so gut schmeckt? Heißt das, sie würden auch schon im Juli, Juni oder Mai Weihnachtszeug kaufen, wenn es angeboten würde? Aber warum tut ihnen der Kapitalismus, der angeblich nur tut, was die Kunden wollen, dann nicht den Gefallen und stellt die Lebkuchen schon im Mai ins Geschäft?

Sie werden das alles sicher selbst rausfinden, wenn Sie sich ein bisschen damit beschäftigen. Es ist auch ein nettes Diskussionsthema. Man kann Vergleiche anstellen. Zum Beispiel zwischen einer Muster-Marktwirtschaft wie der deutschen und Regionen, die noch nicht völlig durchkapitalisiert sind. In China z.B. isst man die feinen Drachenfest-Törtchen, meines Wissens, eben am Drachenfest im Herbst, und nicht schon im Frühling. Da ist nämlich Frühlingsfest, aber die guten Frühlingsfest-Sachen gibt’s auch nicht schon ein halbes Jahr vorher. Das würden die Chinesen auch nicht akzeptieren, wie ich sie kenne. Aus reinem Traditionalismus? Und wie lange noch?

Ich habe damals, als ich aus dem Wald zurückkam und als zum ersten Mal im August die Weihnachtssüßigkeiten auslagen, natürlich keine gekauft, sondern bin kopfschüttelnd – aber nicht achselzuckend – an den Dominosteinen, den Elisenlebkuchen, den Plätzchen und den Hefestollen vorübergegangen; obwohl ich große Lust auf ein bisschen was gehabt hätte.

Aber ich würde lieber verhungern, als mich vom spinnenden Kapitalismus wie ein dummes Schaf über seine Konsumwiesen treiben zu lassen. Sie hoffentlich auch.

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