Schwer und schwierig

Jeder Kurs, der etwas auf sich hält, fühlt einem neuen Lehrer erst mal auf den Zahn. Man will wissen, mit wem man es zu tun hat und ob er oder sie was kann. Außerdem verführt die Anhänglichkeit an frühere Lehrer zu anfänglicher Widerborstigkeit gegenüber dem Neuen. Jedenfalls gibt es in den ersten Tagen in einem neuen Kurs immer irgendwelche Tests zu bestehen. Manchmal reine Autoritätsaustestungen, meistens aber Wissenstests. Bei solchen Gelegenheiten erfährt dann der Neue, was sein Kurs bei Kolleginnen und Kollegen gelernt hat, denn gegen deren Weisheit muss er ja nun gewöhnlich antreten. „Mein Lehrer hat aber gesagt, dass …“.

Dass ich schon oft in dieser Situation war, ist ein Grund für meine zunehmende Verwunderung darüber, dass in diesem Land noch jemand ordentliches Deutsch lernt. Die Lehrbücher taugen nichts, die Sprachschulbetreiber sind halbkriminelle Raffzähne, die Prüfungen idiotisch und in der Hauptsache Geldmacherei, und das Lehrpersonal …

Das Lehrpersonal hat, wie oben bemerkt, manchmal etwas merkwürdige Ansichten, aber das ist angesichts der Umstände, unter denen es zu arbeiten gezwungen ist, nicht weiter verwunderlich. DaF in Deutschland hat ja gewisse Züge einer großangelegten Verschwörung zu Lasten der Lehrenden.

Ich erinnere mich, obwohl er drei Jahrzehnte zurückliegt, lebhaft an meinen ersten Tag im Kurs an einer großen Volkshochschule in Süddeutschland. Ich hatte Sprachwissenschaft studiert und verfügte über keinerlei pädagogische Ausbildung und minimale Unterrichtserfahrung. Meine Einweisung bestand aus zwei Einschärfungen: Schreib Nomen immer mit Artikel an die Tafel, und vergiss nicht, den Kassettenrecorder ins Lehrerzimmer zurückzubringen.

Und rein ins Vergnügen. Für die Teilnehmer war es keins, aber es waren ja nur Asylbewerber. Und für mich war es der Anfang eines sehr langen Selbstlernprozesses, der mich nach langer Zeit schließlich zu der Überzeugung gebracht hat, dass antidaf im Moment die einzig anständige Haltung ist, die man als DaF-Lehrer einnehmen kann.

In Berlin kriegt man heute noch von großen Schulen sittenwidrige Angebote von um die 15 Euro pro Stunde. Und so weiter und so weiter. Für eine ordentliche Verschwörungstheorie reicht das vielleicht noch nicht, aber den Rest kann sich jeder ergänzen, der schon mal was mit DaF in Deutschland zu tun hatte.

In diesem Sinne: Friede den Hütten.

Trotzdem: könnte man nicht, statt irgendwelche aufgeschnappten Deutschlehrer- oder, noch schlimmer, „Sprachpfleger“-Weisheiten nachzuplappern, mal in ein Wörterbuch oder eine Grammatik gucken oder sogar ein Korpus konsultieren, z.B. das so leicht zugängliche Mannheimer Cosmas-Korpus, und überprüfen, ob man tatsächlich schwierig, nicht aber schwer antonym zu einfach verwenden darf, wie ein neuer TN von seinem früheren Lehrer erfahren und mir gegenüber mit großer Vehemenz verteidigt hat? Schreiben Sie einfach „schwere Aufgabe“ und „schwierige Aufgabe“ rein und lassen Sie sich die Zahl der Belege anzeigen. Ich glaube, es waren, in einem kleineren Zeitungs-Korpus, sogar mehr für „schwere Aufgabe“, allerdings interessanterweise vor allem aus der Sportberichterstattung.

Eigentlich sollte man mit so schwerem (aber nicht schwierigen) Geschütz nicht auf Teilnehmer schießen; aber da der Ex-Lehrer nicht greifbar war und zur Selbstkritik gezwungen werden konnte, habe ich das Belege-Blatt schließlich dem neuen TN auf den Tisch gelegt. Wenn ein Lehrer gleich am ersten Tag in Verdacht kommt, nicht mal den Grundstufen-Wortschatz im Griff zu haben, kann er einpacken. So weit geht Lehrer-Solidarität auch wieder nicht.

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